Geschichte

Ansprache zur Feier von Immanuel Kants Geburtstag

„All’ Fehd hat nun ein Ende“ – diesen Liedvers, Teil der evangelisch-lutherischen Liturgie, habe ich nie wieder so bewusst mitgesungen wie 1997 in der Kaliningrader Auferstehungskirche. Ich bin geborene Königsbergerin und gewordene Kaliningraderin. Das Haus und die Straße meiner ersten Lebensjahre am Schlossteich gibt es nicht mehr, mein Vater ist in Russland vermisst, aufgewachsen bin ich nach der Flucht in Westdeutschland.

Als ich in den 60er Jahren Slavische Philologie studierte, galt ich im Westen als Kommunist, in der Sowjetunion als Faschist – so einfach war das. Ein Motiv unter anderen für mein Slavistikstudium war der Wunsch, auf dem Umweg über Russland auf normale Weise nach Königsberg/Kaliningrad zu gelangen, was ja erst Anfang der 90er Jahre möglich wurde – zunächst privat, seit 1994 vermehrt durch den Partnerschaftsvertrag zwischen der Kaliningrader Universitä und der Universität Kiel. Durch mein Studium standen mir Russen wie Bolotov und Karamzin mit ihren Verbindungen zu Königsberg näher als die Deutschen Hamann und Hippel. Unvergesslich ist mir Karamzins triumphale Eroberung Immanuel Kants: „Ich hatte keinen Brief an ihn, aber Kühnheit gewinnt Städte, und mir öffnete sie die Tür des Philosophen.“ Kantwardamals 65,Karamzinnochkeine 23.
(«Я не имел к нему писем – но смелость города берет – и мне отворились двери в кабинет его.»)

Bei meiner ersten Reise in einer Gruppe von Heimwehtouristen war ich ein  schwarzes Schaf, denn ich kam nach Russland. Im Unterschied zu meiner Mutter, die dreimal in Kaliningrad nach Königsberg gesucht hatte, hatte ich keine eigenen Erinnerungen. Ich konnte Russisch und kannte die russischen Verhältnisse, redete mit Russen, Juden, Burjaten, traf Kollegen, besuchte Museen und Künstlerwohnungen – wie man das auch in Moskau oder Piter machte, wenn man nicht in Bibliotheken oder Archiven saß – und sah keinen Grund für Vergleiche zwischen Kaliningrad und Königsberg. Aber der äußeren Normalität musste eine innere Versöhnung folgen, deren Notwendigkeit ich mir bis zu jenem Kirchenbesuch nicht hatte eingestehen wollen. Seitdem ist der eingangs zitierte Liedvers für mich von konkreter Bedeutung.

Seit ich nicht mehr berufstätig bin, hat die Stelle der Universität die „Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs“ eingenommen und bürgt für jene lebendige Vermittlung zwischen Deutschen und Russen, die heute nicht weniger wichtig ist als früher. Der  Slavist und Literaturwissenschaftler gelangt spätestens bei Dostoevskij zu Kant. Aber es gibt noch viele andere Dinge auf der Welt, für die Zeit zu nehmen sich lohnt. Und nachdem ich verfolgt habe, wie sich Kaliningrad in den vergangenen zwanzig Jahren veränderte –  ökonomisch, architektonisch, mental – , bin ich // sind wir alle // gespannt zu sehen, wie es weitergeht – mit Königsberg alias Kaliningrad.

© April 2016 Prof. Annelore Engel

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