Philosophie

Die Vier Weltweisen: Sokrates, Buddha, Konfuzius und Kant

302. Geburtstag Immanuel Kant
Bohnenrede von Dr. Mahmut Kuyumcu
22. April 2026, Berlin

Werte Festversammlung, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

der Titel meiner „Bohnenrede“ lautet: Die vier Weltweisen: Sokrates, Buddha, Konfuzius und Kant. Da ich nicht aus dem Fernen Osten, sondern aus Südost-Anatolien, dem oberen Mesopotamien stamme, gestatten Sie mir einige Worte zu dieser Themenwahl:

Zwar hatte ich vor rund 60 Jahren im Studium Generale Vorlesung von Immanuel Kant gehört, jedoch befasste ich mich danach kaum mit seinen Schriften. Aber hin und wieder las ich etwas über die Weltanschauungen von Buddha und Laotse, teilweise Konfuzius.

Im Rückblick betrachtet wurde der Grundstein für das Thema im August 2024 gelegt. Damals durfte ich als Gast an unserer Vereinsexkursion nach Lüneburg teilnehmen, um die Sonderausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums zu Kants 300. Geburtstag zu besuchen. Unter der Leitung des Kurators Dr. Tim Kunze – der heute Abend unter uns ist – waren Kants persönliche Gegenstände sowie bedeutende Kulturgüter seiner Zeit auf beeindruckende Weise präsentiert worden.

Hier sehen Sie ein Foto aus einem der Ausstellungsräume. Als ich dort ein Bild an der Wand sah, war ich wie elektrisiert: Anhand der charakteristischen Darstellungen ließen sich die vier Persönlichkeiten klar identifizieren – Sokrates, Buddha, Konfuzius und Kant!

Bekanntlich bestimmen die drei antiken Größen seit über zwei Jahrtausenden das Denken der Menschheit. Doch die Botschaft dieses Bildes war: In der Folgezeit ist einzig Immanuel Kant diesem Rang ebenbürtig! Das Werk war offensichtlich ostasiatischen Ursprungs und älteren Datums. Aber dort wurden gewöhnlich – nur Buddha, Konfuzius und Laotse gemeinsam abgebildet, doch nie zusammen mit einem westlichen Denker! Und all das gab meinem Interesse an Kant einen neuen, besonderen Impuls.

Kurz nachdem unsere traditionelle Silberbohne die heutige Aufgabe mir zuwies, war die Entscheidung gefallen: Es müsste doch auch für einen Bergmann möglich sein, Näheres über dieses Kunstwerk in Erfahrung zu bringen.

Meine Ausführungen habe ich wie folgt gegliedert:

  • Zuerst skizziere ich den historischen Kontext und stelle Ihnen den japanischen Philosophen Inoue Enryō vor, der diese Bildrolle anfertigen ließ.
  • Danach beschreibe ich die Gemeinsamkeiten dieser vier Weltweisen.
  • Abschließend rufe ich das politisch-philosophische Vermächtnis Immanuel Kants in Erinnerung – all dies in essayistischer Form

Die Fundamente des modernen Japans wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegt1. Im Jahr 1854 beendete Japan seine rund 250 Jahre währende fast absolute Isolation. Der konkrete Auslöser war zwar der Druck amerikanischer Kriegsschiffe zur Öffnung der Häfen für den Handel, doch im Inneren des Landes hatte sich bereits zuvor eine Bewegung zur Überwindung der Feudal- und Ständegesellschaft formiert. Diese Elite der Reformwilligen, konnte 1868 den neuen, erst 15-jährigen Kaiser Mutsuhito für sich gewinnen. In Fortführung der uralten Tradition gab der junge Tenno seiner Regentschaft eine neue Devise: Meiji – was übersetzt „Aufgeklärte Herrschaft“ 2 bedeutet.

Rund achtzig Jahre zuvor hatte Immanuel Kant seine berühmte Schrift ‚Was ist Aufklärung?‘ veröffentlicht – und nun wurde Japan rund ein halbes Jahrhundert lang unter der neuen Devise regiert, politisch wie gesellschaftlich grundlegend reformiert und in die Moderne geführt.

Unmittelbar nach der Proklamation reiste eine Regierungsdelegation1,3 von über 100 Personen, darunter fünf Frauen, für zwei Jahre durch die USA und Europa, um den Stand der Technik, Wissenschaft und Kunst in Erfahrung zu bringen. Parallel hierzu wurden westliche Experten nach Japan geholt. Japanologen beschreiben die darauffolgende Rezeption der westlichen Kultur treffend als einen Prozess von „atemberaubendem Tempo“ 4.

Meine folgenden Ausführungen orientieren sich an dem Buch von Rainer Schulzer „Die Vier Weltweisen im Garten der Philosophie5, der über den japanischen Philosophen Inoue Enryō promovierte6.

Inoue Enryō (F08) war 1881 der erste und einzige Student im neu eingerichteten Fach Philosophie an der kurz vorher gegründeten Universität Tokio nach westlichem Vorbild. Sein Hauptlehrmaterial war die englische Übersetzung „Geschichte der Philosophie im Umriss“ des deutschen Philosophen Albert Schwegler. Anlässlich seiner Graduierung im Jahr 1885 vollzog Inoue eine philosophische Zeremonie, bei der er erstmals die von ihm in Auftrag gegebene Bildrolle der ‚Vier Weltweisen‘ ausrollte.

Inoue Enryō, der vor seinem Philosophie-Studium eine buddhistische Priesterlehre abgeschlossen hatte, gehörte nicht zu jenen, die das Westliche blind übernahmen. Er suchte, wie er später sagte, die Wahrheit, die er zunächst auch nicht im Buddhismus gefunden hätte. Er war neugierig und fand seine kritische Synthese aus moderner Wissenschaft und dem jahrtausendealten Denken des Buddhismus und Konfuzianismus. Während einige seiner Zeitgenossen sich für Jesus und nicht Kant entschieden hatten, begründete er seine Wahl mit folgendem Argument: Diese vier Weisen leiten ihr Denken allein aus dem menschlichen Erkenntnisvermögen ab, ohne sich nach äußeren Mächten wie Gott oder Offenbarung zu richten.

Inoue Enryō gründete eine Akademie der Philosophie, die später zu Toyo Universität umgewandelt wurde. Die anlässlich seiner Graduierung begründete Ehrung der Vier Weltweisen wurde fortan als feste Tradition jährlich in der Akademie der Philosophie beziehungsweise der Toyo-Universität begangen. Ab 1904 widmete er sich vornehmlich dem Bau seines ‚Gartens der Philosophie‘, dem Tetsugakudō. Im Mittelpunkt der zahlreichen Gartenarchitektur-Elementen über philosophische Strömungen und Denker aus aller Welt steht dort der Schrein der Vier Weltweisen – eine quadratische Halle, deren Wände in die vier Himmelsrichtungen weisen7. Nur im Dachbereich finden sich die Namen der Weisen auf Holztafeln: hier der Namenszug der „Kant der Weise“.

Gemäß dem letzten Willen Inoue Enryō wird jedes Jahr im Schrein der Vier Weltweisen am ersten Samstag im November7 eine philosophische Zeremonie zu Ehren der Vier Weisen vollzogen und im vierjährigen Rhythmus rotierend über einen der Vier Weisen ein Vortrag gehalten. Nächstes Jahr wird Immanuel Kant wieder dran sein, wichtig für die, die eine Japanreise planen.

Inoue Enryō unternahm drei Weltreisen8, die ihn auch nach Deutschland führten. Im Mai 1903 besuchte er Königsberg9. Gemäß seinen Notizen hielt er „eine ehrfürchtige Andacht vor der Bronzestatue Kants“ im Vorgarten der Königsberger Albertina und besichtigte danach die persönlichen Gegenstände Kants, Hut, Spazierstock, Handschuhe und Taschenspiegel etc. Am Nachmittag war er an der Grabstätte Immanuel Kants am Königsberger Dom und beschrieb sich als „zutiefst ergriffen von einer feierlichen Ehrfurcht“.

Über Inoue Enryō und seine Zeitgenossen begann zeitversetzt auch in China und Korea die Rezeption der westlichen Philosophie und Kants. Zur Situation im bevölkerungsreichen China wäre viel zu sagen. Aus Zeitgründen beschränke ich mich auf eine Erhebung des chinesischen Philosophen Bo Fang, die er auf dem 13. Internationalen Kant-Kongress vorgestellt hat. In China ist die Aktualität Kants lebendiger denn je10,11! Hier ist mit Stand 2020 die Zahl der Veröffentlichungen dargestellt, in deren Überschriften Namen westlicher Philosophen -ohne Karl Marx- vorkommen; Kant stets vor Hegel, Heidegger oder Aristoteles.

Quasi mit der Bildrolle von Inoue Enryō wurde im Osten der Weg zur Weltphilosophie eröffnet. Wie sah es diesbezüglich im Westen aus?

Obwohl eine philologische Beschäftigung des Westens mit dem Osten bereits im 19. Jahrhundert einsetzte, blieb das Östliche in der westlichen Philosophie praktisch weiter unberücksichtigt. Das Wissen beschränkte sich auf Berichte christlicher Missionare, dabei vornehmlich über Konfuzius; die tiefgründigen Analysen der menschlichen Natur von Buddha, blieben weitgehend unbekannt12. Arthur Schopenhauer war 1814 der erste Philosoph, der die lateinische Übersetzung der Upanishaden las12. Seine Bewunderung für die östliche Weisheit war so groß, dass er später den Beinamen „Buddha von Frankfurt“13 erhielt. Mit den Werken von Nietzsche und Hermann Hesse nahmen die Übersetzungsaktivitäten im 20. Jahrhundert klar an Fahrt zu11.

Einen deutlichen Impuls erhielt die westliche Rezeption des Östlichen im Jahr 1957 durch das Monumentalwerk von Karl Jaspers: ‚Die großen Philosophen14. Erstmals wurden hier einem breiten westlichen Publikum auch östliche Denker vorgestellt. Bemerkenswert ist, dass Jaspers, ebenfalls vier große Denker als die „maßgebenden Menschen“ der Geschichte hervorhob: Sokrates, Buddha, Konfuzius und Jesus. Kant ordnete er gemeinsam mit Platon und Augustinus den „fortwährend zeugenden Philosophen“ zu. Mit diesem Werk Jaspers nahm die Vision einer Weltphilosophie auch im Westen Gestalt an.

Ich komme zum zweiten Teil meiner Rede: den Gemeinsamkeiten der vier Weltweisen5, welche wir heute unter dem Begriff des Humanismus zusammenfassen können. Vorstellen möchte ich diese anhand ihrer strikten Konzentration auf die Conditio Humana sowie ihrer den Menschen innewohnenden Einsicht beziehungsweise Vernunft abgeleiteten Moral und deren Selbstkultivierung.

Ich beginne mit Sokrates:

Zu seiner Zeit hatte sich bereits der Fokus des Denkens von der äußeren Natur auf das Innere des Menschen gerichtet. Doch während seine Zeitgenossen, Sophisten behaupteten, die Wahrheit sei relativ – nach dem Motto ‚Der Mensch ist das Maß aller Dinge‘ –, suchte Sokrates unermüdlich nach dem für alle verbindlich Guten.

Sein berühmtes Paradoxon ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß‘ begründet seine Suche nach der Wahrheit. Er hinterfragte jede scheinbare Gewissheit, um sich dem Wahren anzunähern – wohl wissend, dass das absolut Wahre für uns Menschen unfassbar bleibt. Damit legte er das Fundament für unser heutiges kritisches Denken.

Metaphysische Spekulationen lehnte er ab und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Selbst angesichts seines Todesurteils blieb er gelassen und weigerte sich, „über Dinge wie den Tod oder den Verbleib der Seele zu urteilen, die er nicht wissen konnte“5.

Sokrates entkoppelte die Moral von alten Mythen und Standesregeln15: Für ihn entspringt rechtes Handeln allein der Einsicht, dem Logos. Am Beispiel des Dialogs „Laches“ wird das deutlich15: Tapferkeit war für ihn nicht mehr nur, wie allgemein üblich, das Standhalten des Soldaten auf dem Schlachtfeld, sondern die zivile Tugend der Integrität: die Kraft, eine geprüfte Überzeugung auch gegen den Widerstand der Mehrheit zu vertreten. Nicht Besitz oder Ruhm, sondern die Ordnung der eigenen Begierden durch Einsicht war für Sokrates der Schlüssel zu einem gelingenden Leben.

Kommen wir zu Chinas ältestem Gelehrten16 Konfuzius:

Konfuzius lebte in einer Ära des politisch-sozialen Umbruchs. Kurz nach seinem Tod brach eine lange Epoche von Kriegen aus, die zugleich zur Entstehung von „Hundert Denkschulen“ führte. Im Kaiserreich wurden seine Lehren zur Staatsideologie erhoben und prägten zwei Jahrtausende die Ordnung Ostasiens. Nachdem sie in der kommunistischen Volksrepublik zunächst als rückschrittlich abgelehnt wurden, erleben sie heute als ‚Neokonfuzianismus‘ eine bemerkenswerte Renaissance.

Seine Lehren sind durch die kurzgefassten Gespräche mit Schülern, Fürsten etc. überliefert.Im Zentrum seines Denkens steht die Humanität (Rén) – die Menschlichkeit17. Sein Ziel war es, Harmonie zu stiften: im Individuum, in der Familie und in der Gesellschaft.

Ein urteilender oder tröstender Gott ist in seinem System nicht vorgesehen17: Metaphysische Spekulationen werden abgelehnt: Auf die Frage eines Schülers nach dem Tod antwortete er kurzum: „Ich kenne das Leben noch nicht. Wie sollte ich über den Tod Auskunft geben?“

Die konfuzianische Ethik baut ganz auf die sittliche Fähigkeit des Menschen, die Tugend (dé). Der Weg dorthin ist die lebenslange Selbstkultivierung durch Lernen und radikale Selbstreflexion. Eines seiner bekanntesten Zitate bringt diese Sicht auf den Punkt: ‚Lernen und das Gelernte beständig zu üben – ist das nicht ein Glück?‘. Für Konfuzius ist der Mensch kein fertiges Wesen, sondern eine Aufgabe, an der er täglich arbeiten muss17.

Jetzt ein kurzer Blick auf den Dritten im Bunde: Buddha.

Zu Lebzeiten Buddhas befand sich Indien in einem gewaltigen geistesgeschichtlichen Umbruch. Gegen den starren religiösen Brahmanismus und sein Kastensystem waren zahlreiche Denkschulen18 entstanden – von Materialismus über Nihilismus bis hin zu radikaler Askese. Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, sah die Antwort auf die existentiellen Fragen des Lebens allein im Einsichtsvermögen des Menschen und entschied sich für „den mittleren Weg“.

Metaphysische Spekulationen lehnte er als tödliche Zeitverschwendung ab19,20. Einen Schüler, der wissen wollte, ob das Universum unendlich oder die Seele unsterblich sei, verglich er mit einem Mann, der von einem vergifteten Pfeil getroffen wurde und sich weigert, den Pfeil herausziehen und die Wunde behandeln zu lassen, bis er genau weiß, wer ihn geschossen hat, aus welcher Kaste der Schütze stammt und aus welchem Holz der Pfeil geschnitzt ist.

Er empfahl, sich nicht blind auf die Autorität heiliger Schriften oder Überlieferungen zu verlassen21. Stattdessen solle jeder Mensch selbst prüfen, was für ihn und andere heilsam oder unheilsam ist. Das Potenzial hierzu, so Buddha, trage jeder Mensch in sich.

Buddha analysierte das Dasein wie ein Arzt und stellte seine Diagnose: Alles Existierende ist vergänglich. Das Anhaften an Begehrtem, die Abwehr von Unerwünschtem und die Unwissenheit über diese Natur der Dinge führen den Menschen in ständige Unzufriedenheit – zum Leiden. Doch genau diese Einsicht ist auch der Schlüssel zur Heilung.

Seine Tugendethik (Sila) baut auf drei Säulen22: das Reden, das Handeln und den Lebenserwerb sittlich zu gestalten, konkret: nicht lügen, nicht stehlen und anderen keinen Schaden zufügen. Damit baue der Mensch einen inneren Schutzwall, um die notwendige Ruhe für die Entwicklung des Geistes zu schaffen. Sodann sei der Geist zu kultivieren: Gedanken, Empfindungen und Reaktionen sollen wertfrei beobachtet werden, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Mit der Zeit erlange der Mensch so allmählich die Freiheit, unabhängig von inneren Trieben und äußeren Umständen zu handeln.

Wir kommen nun zum vierten Weltweisen: Immanuel Kant.

Zu Kants Zeiten herrschte in der Philosophie ein bereits seit zwei Jahrhunderten geführter Streit über die wahre Erkenntnisquelle – nämlich die Frage: Liegt diese allein in der Vernunft oder in der Erfahrung? Kant überwand diesen Streit, indem er das Denken radikal auf den Menschen selbst zurückführte und so beide Schulen vereinte. Zudem nahm er den existenziellen Grundfragen der Menschheit Stellung. Er bündelte sie in jenen vier weltberühmten Kernfragen, die bis heute das Koordinatensystem der Philosophie bilden: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – und schließlich: Was ist der Mensch?

In seiner ‚Kritik der reinen Vernunft‘ zeigte er mit höchstem theoretischen Anspruch auf, dass über die Existenz Gottes, die Unsterblichkeit der Seele oder das Problem der absoluten menschlichen Freiheit keine wissenschaftlichen Aussagen getroffen werden können23. Laut Kant ist die dem Menschen innewohnende Vernunft die alleinige Instanz für unser Denken und Handeln. 

Aus dieser Autonomie der Vernunft erwächst die Freiheit des Menschen, seine Zwecke selbst zu bestimmen und sein Handeln zu verantworten24. Mit seinem Kategorischen Imperativ – „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ –entwarf er das moralische Fundament für eine moderne Gesellschaft freier und gleichberechtigter Bürger. Auch wenn sich seine Pflichtethik formal – also in ihrer rein logischen Prüfweise – von der antiken Tugendlehre unterscheidet, treffen sich die Vier im Kern der moralisch-sozialen Selbstverantwortungwieder.

Auch für Kant ist die Selbstkultivierung, im damaligen Sinne eine fortwährende „Selbst-Moralisierung“ unabdingbar. Er mahnt uns, stets die uns innewohnenden Triebe zu beachten, und „in die schwer zu ergründenden Tiefen des Herzens zu dringen“25,26, um wachsam gegenüber jenem „bösen, in uns genistelten Willen“ zu sein. Für Kant ist erst dieses ehrliche, oft schmerzhafte Bewusstsein der eigenen Unvollkommenheit der „Anfang aller menschlichen Weisheit26.

Meine Damen und Herren,

zum Abschluss möchte ich Kants politisches Vermächtnis kurz in Erinnerung rufen: seinen philosophischen Entwurf ‚Zum ewigen Frieden‘28 . Schon die antiken Weisen mahnten in ihren Gesprächen mit Herrschenden deren besondere Verantwortung für Gewaltfreiheit und friedliches Miteinander an.

In den folgenden zwei Jahrtausenden entstanden und vergingen Staaten und Imperien, stets begleitet von Kriegen mit Leid und Not für die Bevölkerung, so auch zu Kants Zeiten. Beflügelt von der sich seinerzeit rasant entwickelnden Wissenschaft und Technik wurde in der Aufklärung die Frage aufgeworfen, ob damit nicht ein beständiger Fortschritt der Menschheit zum Besseren eintreten würde. Dazu gab es klare Wortmeldungen, sowohl bejahende als auch verneinende.

Kant analysierte hierzu 1784 in seiner Schrift ‚Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht’27 eingehend die menschliche Natur. Er stellte im Menschen eine „ungesellige Geselligkeit“ fest. Wir seien zwar einerseits „aus so krummem Holze geschnitzt, da wir getrieben von „Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht“gegeneinander handeln; gleichzeitig besitzen wir jedoch die Einsicht, dass Kooperation vorteilhaft ist. Aus dem Zusammenwirken beider Pole habe der Mensch sich letztlich vom „Recht des Stärkeren“ in den „Rechtszustand“ innerhalb eines Staates weiterentwickelt. Zwar befänden sich die Staaten noch in einem „Recht des Stärkeren“. Doch bestehe für sie die analoge Möglichkeit, sich von „dem wilden Zustand“ zu befreien.

Diesen Ansatz baute Kant 1795 in seiner Schrift ‚Zum ewigen Frieden‘ aus. Er stellte zunächst klar, dass die bloße Abwesenheit von Krieg noch kein Frieden, sondern nur ein Waffenstillstand ist. Er sah die Möglichkeit des wahren Friedens durch eine dauerhafte Rechtsordnung gegeben, bezeichnete diesen als das „höchste politische Gut“ und definierte rechtliche Rahmenbedingungen dafür: Insbesondere: Einen föderativen Bund von Staaten, in denen die Bürger selbst über ihre Verfassung, ebenso über Krieg und Frieden entscheiden. Zwischen diesen Staaten sollten fortan dieselben moralischen Prinzipien gelten wie zwischen freien Individuen: Vertragstreue, Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten und der Verzicht auf Gewalt. Kant begriff den ewigen Frieden weder als leere Utopie noch als Geschenk der Geschichte, sondern als eine fortwährende Aufgabe der Vernunft. Trotz steter Rückschläge bleibe die ‚gegründete Hoffnung‘ auf eine ins Unendliche fortschreitende Annäherung an dieses Ziel. Als Beleg für diesen unaufhaltsamen Fortschritt der Freiheit verwies er auf die Französische Revolution: Ungeachtet aller Schrecken habe sie einen Enthusiasmus in die Welt gebracht, der – so Kant – nie mehr vergessen werden kann.

Der Völkerbund von 1920 und die Vereinten Nationen 1945 haben sich zumindest teilweise an seiner Schrift orientiert. Derzeit erleben wir jedoch eine Renaissance des ‚Rechts des Stärkeren‘. So ist erneut die Frage hochaktuell: Woher nahmen die Weltweisen Sokrates, Konfuzius, Buddha und Kant die Gewissheit, dass ein moralischer Fortschritt trotz aller Rückschläge wirklich werden kann?

Kant hat seine Quelle der Zuversicht am Ende seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ mit jenen unvergesslichen Worten beschrieben30:

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt:

Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“

In diesem Sinne wünsche ich uns weitere gesellige Stunden zu Ehren unseres Geburtstagskindes und danke Ihnen allen sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit sowie für Ihre Geduld!


Quellennachweis

1. Schwentker, Wolfgang. (2022). Geschichte Japans. C.H.Beck Verlag.

2. Toyohara Kunichika (1835-1900). 2006. Eine Untersuchung seiner Meiji-zeitlichen Farbholzschnitte unter besonderer Betrachtung der Rezeption von bunmei kaika (Zivilisation und Aufklärung), Dissertation, Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, S. 35

3. Iwakura Mission: https://www.jacar.go.jp/english/exhibition/iwakura_en/person/index.html

4. Elberfeld, Rolf. (2004). Philosophie in Japan – Japanische Philosophie. Perspektiven der Philosophiegeschichtsschreibung im 20. Jahrhundert, in: Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren, 10/11:2004, S.53

5. Schulzer, Rainer. (2023). Die Vier Weisen im Garten der Philosophie, Anfangsgründe eines globalen Humanismus. Verlag Karl Alber

6. Schulzer, Rainer. (2018). Inoue Enryo: A Philosophical Portrait. State University of New York Press, Albany

7. Webseite Garten der Philosophie-Tetsugakudo: https://www.tetsugakudo.jp/en/movie2/enmovie5.html, 19.02.2026

8. Takemura, Makio. (2012).  The Life of Inoue Enryo, Toyo University History Booklet -1: https://www.google.com/search?q=Toyo+University+History+Booklet+1

9. Reisenotizen Inoue_u.a. zu Königsberg/Übersetzung.pdf

10. Bo, Fang (2022). Enlightenment and the Historical Dimension of Public Reason. In De Gruyter, THE COURT OF REASON, Proceedings of the 13th International Kant Congress (1335-1343).De Gruyter.

11. Zhao Tingyang. (2021). Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung. Suhrkamp Verlag

12. Sebastian Gäb. Reception Buddhismus im Westen: https://www.youtube.com/watch?v=2d4J_BCEY4E, 19.02.2026

13. Schubbe D., Koßler M. (Hg.). Schopenhauer Handbuch, Leben – Werk – Wirkung, J.B. Metzler Verlag, 2. Auflage, S. 11. (1864b1d96cf1ea09ffff800cfffffff0.pdf)

14. Jaspers, Karl. (2007). Die großen Philosophen. Hohe Verlag

15. Gerhardt, Volker (2023). Das epochale Exempel des Sokrates. In: Schulzer, Rainer. (2023). Die Vier Weisen im Garten der Philosophie, Anfangsgründe eines globalen Humanismus. Verlag Karl Alber, S. 129-130

16. Sebastian Gäb. Konfuzius: https://www.youtube.com/watch?v=9dgUia5a86E

17. Yoshida Kohei. (2023). Die Welt der konfuzianischen Gespräche. In: Schulzer, Rainer. (2023). Die Vier Weisen im Garten der Philosophie, Anfangsgründe eines globalen Humanismus. Verlag Karl Alber, S. 99-11

18. Sebastian Gäb. Buddha: https://www.youtube.com/playlist?list=PLUAKT2TAMtbEwWcPDh1e0RyeHtrowDxyA

19. Schulzer, Rainer. (2023). Die Vier Weisen im Garten der Philosophie, Anfangsgründe eines globalen Humanismus. Verlag Karl Alber, S. 27

20. Bhikkhu, Bodhi. (2008). In den Worten des Buddha, mit einem Vorwort des Dalai Lama. Verlag Beyerlein Steinschulte. S. 216-219, MN 63

21. Bhikkhu, Bodhi. (2008). In den Worten des Buddha, mit einem Vorwort des Dalai Lama. Verlag Beyerlein Steinschulte. S. 82-85, AN 3:65

22. Bhikkhu, Bodhi. (2008). In den Worten des Buddha, mit einem Vorwort des Dalai Lama. Verlag Beyerlein Steinschulte. S. 211, 224-225 SN 45:8

23. Schulzer, Rainer. (2023). Die Vier Weisen im Garten der Philosophie, Anfangsgründe eines globalen Humanismus. Verlag Karl Alber, S. 27

24. Kant, AA V, 8ff

25. Elberfeld, Rolf. (2013). Kants Tugendlehre und buddhistische Übung: Auf dem Weg zu einer kulturoffenen und kritischen Kultivierungspraxis, in: Dimensionen der Selbstkultivierung: Beiträge des Forums für Asiatische Philosophie, hg. v. Marcus Schmücker u. Fabian Heubel, Freiburg/München: Alber, 2013, 27-63.

26. Kant, AA VI, 441

27. Kant, AA VIII,S. 15-31

28. Kant, AA VIII,S. 341-386

29. Kant, AA VII, 79-94

30. Kant, AA V, 161

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