Alumni-Club der Charité,
Dienstag, 8. Oktober 2019
Hochverehrte Alumni der Charité,
liebe Freunde Kants und Königsbergs,
meine Damen und Herren!
Zuerst danke ich Ihnen, sehr verehrte Frau Professor Dr. Reisinger, und Ihnen, liebe Frau Dr. Fuhrmann, dass Sie mich eingeladen haben, im Alumni-Club der Charité heute etwas über „Kant, Königsberg und die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“ zu erzählen. Das ist für mich eine große Ehre.
Was haben Kant und Königsberg mit der Kunst zu tun, das menschliche Leben zu verlängern? Sie sind miteinander in Berührung gekommen, als Christoph Wilhelm Hufeland am 12. Dezember 1796 dem Philosophen Immanuel Kant sein kurz zuvor erschienenes Buch „Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“ nach Königsberg schickte und dazu folgenden Brief schrieb:
„Wohlgeborner Herr
Hochzuverehrender Herr Profeßor.
Erlauben Sie, Verehrungswürdiger Mann, daß ich Ihnen ein Buch zuschicke, das Ihnen in mehr als einer Rücksicht zugehört, theils als einem der ehrwürdigsten Nestors unsrer Generation, der nicht allein zeigt, daß man auch mit angestrengter Geistesarbeit alt werden, sondern daß man auch noch wirken und nüzlich seyn kann; theils als einem Manne, dem die Kenntniß des Menschen, die wahre Anthropologie so viel verdankt, und der sich um die Medizin selbst dadurch so viel Verdienst erworben hat, und gewiß noch mehr in der Zukunft erwerben wird.
Zugleich nuzte ich diese Gelegenheit gern, um Ihnen meine innigste Verehrung zu bezeugen, und den Wunsch beyzufügen, daß Sie das neueste Beyspiel des höchsten Menschenalters mit fortwirkender Geisteskraft geben mögen, was bey einem solchen Vorrath und so harmonischer Wirksamkeit dieser Kraft wohl gehofft werden kann.
Glüklich würde ich mich schätzen, wenn Ihnen mein Bestreben, das Physische im Menschen moralisch zu behandeln, den ganzen, auch physischen, Menschen als ein auf Moralität berechnetes Wesen darzustellen, und die moralische Kultur als unentbehrlich zur physischen Vollendung der überall nur in der Anlage vorhandenen Menschennatur zu zeigen — nicht mißfallen sollte. Wenigstens kann ich versichren, daß es keine vorgefaßten Meynungen waren, sondern ich durch die Arbeit und Untersuchung selbst unwiderstehlich in diese Behandlungsart hineingezogen wurde.
Ich wiederhole nochmals meine besten Wünsche für die noch lange Erhaltung Ihres, jedem denkenden und fühlenden Menschen, so theuren Lebens, und bin mit der aufrichtigsten Verehrung
Ihr
gehorsamster Diener
D Hufeland“

Auf dieses Schreiben erwiderte Kant im März 1797:
„Hochzuverehrender Herr!
Mit keinem Buche konnte mir ein angenehmeres Geschenk gemacht werden, als mit dem, womit Sie so gütig gewesen sind meine Stunden auszufüllen und in angenehmer Unterhaltung zugleich zu belehren; vornehmlich da ich das, was ich aus Ihren Schriften nur fragmentarisch gelernt hatte, jetzt systematisch vor mir liegen habe; welches einem alten Kopf sehr zuträglich ist, um das Ganze übersehen zu können. – Ich werde mir diesen Genuß nur langsam zumessen, um theils den Appetit immer rege zu erhalten, theils auch um Ihre kühne aber zugleich seelenerhebende Idee, von der selbst den physischen Menschen belebenden Kraft der moralischen Anlage in ihm, mir klar zu machen und sie auch für die Anthropologie zu benutzen.“

Wie sehr Kant von Hufelands Buch begeistert war, zeigt sich daran, dass er kurz darauf einen zweiten Brief an Hufeland schickte und ihm darin einen Vorschlag machte:
Koenigsberg den 19 April 1797
Ew: Wohlgebohren
werden hoffentlich meinen, durch Hrn. D. Friedländer in Berlin an Sie, mit der Danksagung für Ihr Geschenk des Buchs von der Lebensverlängerung abgelassenen, Brief erhalten haben.
…
Mir ist der Gedanke in den Kopf gekommen: eine Diätetik zu entwerfen und solche an Sie zu adressiren, die blos »die Macht des Gemüths über seine krankhafte körperliche Empfindungen« aus eigener Erfahrung vorstellig machen soll; welche ein, wie ich glaube, nicht zu verachtendes Experiment, ohne ein Anderes, als psychologisches Arzneymittel, doch in die Lehre der Medicin aufgenommen zu werden verdiente, welches, da ich mit Ende dieser Woche in mein 74stes Lebensjahr eintreten und dadurch bisher glücklich alle wirkliche Krankheit (denn Unpäßlichkeit, wie der jetzt epidemisch herrschende kopfbedrückende Catharr, wird hiezu nicht gerechnet) abgewehrt habe, wohl Glauben und Nachfolge bewirken dürfte. — Doch muß ich dieses, wegen anderweitiger Beschäftigung, jetzt noch aussetzen.
Dem Manne, der Lebensverlängerung mit so einleuchtenden Gründen und Beyspielen lehrt, langes und glückliches Leben zu wünschen, ist schuldige Pflicht, mit deren Anerkennung und vollkommener Hochachtung ich jederzeit bin
Ihr ergebenster treuer Diener
I Kant.
Hufeland antwortete darauf:
„Jena d. 30. Sept. 1797.
Ew. Wohlgeboren
kann ich nicht beschreiben, wie sehr mich die zwey Briefe, womit Sie mich beehrt haben, erfreut haben …
Ew. Wohlgeboren haben mich mit der angenehmen Hofnung sehr erfreut, daß Sie geneigt wären, einen medizinischen Gegenstand zu bearbeiten, und zwar den so intereßanten von der Macht des Gemüths über seine krankhaften körperlichen Empfindungen. Wäre es Ihnen doch bald gefällig und wegen andrer Geschäfte möglich! Denn eben in diesen psychologisch-medizinischen Gegenständen hat es noch so sehr an philosophischer Behandlung gefehlt, und wie viel würde sich nicht unsre Kunst noch nebenbey fruchtbare Bemerkungen und Aufschlüße versprechen können! Ich widerhole also nochmals im Nahmen des ganzen medizinischen Publikums, das Sie sich dadurch verpflichten würden, die Bitte, dieser schönen Idee bald einige Stunden zu widmen, und füge noch den Wunsch bey, daß Sie dann die Güte haben, und den Aufsatz mir für das Journal der pract. Heilkunde überlaßen möchten, wo er am schnellsten im mediz. Publikum bekannt werden, und zugleich diesem Journal zur großen Zierde gereichen würde.
Uebrigens wünsche ich von Herzen, daß Gott, so wie er Ihre Kräfte und Verdienste verdoppelt hat, auch Ihre Tage verdoppeln und Ihnen ferner ein dauerhaftes Wohlseyn schenken möge. Laßen Sie mich ferner Ihrem Andenken empfohlen seyn.
Mit größter Verehrung bin ich
der Ihrige
D Hufeland.“

Im Jahre 1797, zur Zeit dieses Briefwechsels, war Kant 73 Jahre alt und wurde in ganz Europa als der größte lebende Philosoph angesehen. Am 23. Juli 1796 hielt er seine letzte Vorlesung. Er empfand sich als alt und schwach.
Christoph Wilhelm Hufeland war im Jahre 1797 35 Jahre alt, also 38 Jahre jünger als Kant. Er war in Weimar aufgewachsen und studierte Medizin, erst in Jena und dann in Göttingen. Dort promovierte er am 24. Juli 1783 und übernahm gleich danach als 21jähriger die große Praxis seines Vaters, der fast erblindet war, seinen Sohn jedoch mit gutem Rat unterstützte, bis er vier Jahre später im Alter von 57 Jahren starb. In Weimar verkehrte Hufeland mit Wieland, Herder, Goethe und Schiller und war sogar ihr Arzt. 1793 wurde er Professor der Medizin in Jena. 1795 begründete er die medizinische Fachzeitschrift „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst“, die ihn bei Ärzten in ganz Deutschland bekanntmachte. 1797 erschien sein Buch Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern (ab der 3. Auflage: Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern), mit dem er sich nicht nur an Ärzte, sondern an das gesamte Lesepublikum wandte und das ihn mit einem Schlag berühmt machte.

Kant hat sich sein ganzes Leben lang mit medizinischen Fragen beschäftigt und war mit vielen Ärzten in Verbindung, Er schätzte die Bedeutung der Medizin hoch ein und schrieb im Ersten Abschnitt seines Werks „Der Streit der Fakultäten“:
„Nach der Vernunft würde … wohl die gewöhnlich angenommene Rangordnung unter den oberen Facultäten Statt finden; nämlich zuerst die theologische, darauf die der Juristen und zuletzt die medicinische Facultät. Nach dem Naturinstinct hingegen würde dem Menschen der Arzt der wichtigste Mann sein, weil dieser ihm sein Leben fristet, darauf allererst der Rechtserfahrne, der ihm das zufällige Seine zu erhalten verspricht, und nur zuletzt (fast nur, wenn es zum Sterben kommt), ob es zwar um die Seligkeit zu thun ist, der Geistliche gesucht werden: weil auch dieser selbst, so sehr er auch die Glückseligkeit der künftigen Welt preiset, doch, da er nichts von ihr vor sich sieht, sehnlich wünscht, von dem Arzt in diesem Jammerthal immer noch einige Zeit erhalten zu werden.“
Wie man sieht, hatte Kant durchaus Sinn für Humor. Ein wichtiger Grund, warum er die medizinische der theologischen und der juristischen Fakultät vorzog, lag für ihn auch darin, dass die Lehrinhalte der beiden letzteren nach seiner Meinung von der Regierung kontrolliert werden konnten, nicht jedoch die Lehrinhalte der medizinischen Fakultät, über die er schrieb:
„Diese Facultät ist also viel freier als die beiden ersten unter den obern und der philosophischen sehr nahe verwandt; ja was die Lehren derselben betrifft, wodurch Ärzte gebildet werden, gänzlich frei, weil es für sie keine durch höchste Autorität sanctionirte, sondern nur aus der Natur geschöpfte Bücher geben kann, …“
Mit Ärzten verkehrte Kant lieber als mit seinen Kollegen von der theologischen und juristischen Fakultät. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der Professor der Medizin an der Königsberger Universität, Johann Daniel Metzger, schrieb: „Unter den Ärzten fand Kant seine größten Verehrer“ und erklärt, „dass Kant mehr Geschmack an der Medizin fand, als an andern Wissenschaften.“
Bei seiner letzten Geburtstagsfeier am 22. April 1803, als er 79 Jahre alt wurde, waren unter 25 Teilnehmern sechs Ärzte.
Sein ganzes Leben lang war Kant mit Ärzten bekannt und befreundet. Sein erstes Werk, Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, widmete er mit Datum vom 22. April 1747, seinem 23. Geburtstag, dem Professor der Medizin an der Universität Königsberg und Königlichem Leibarzt Dr. Johann Christoph Bohlius.

Dr. med. Trummer, sein Studienfreund und einer seiner ganz wenigen Duzfreunde, verschrieb ihm Pillen gegen Verstopfung, die er jeden Tag nahm.
Eine Freundschaft über Jahrzehnte und ein reger wissenschaftlicher Austausch verband Kant mit seinem einstigen Schüler, dem Hofapotheker Prof. Dr. med. Karl Gottfried Hagen, dem Begründer der wissenschaftlichen Pharmazie. Hagen war auch ein häufiger Gast Kants beim Mittagessen und erscheint auf dem Gemälde von Emil Doerstling: „Kant und seine Tischgenossen“ ganz rechts.


Ein weiterer ständiger Gast bei Kant war Prof. Dr. med. Christoph Friedrich Elsner, sein Hausarzt.

Auch der Arzt Dr. William Motherby war wie sein Vater Robert Motherby, der auf dem Bild rechts von Kant zu sehen ist, ein Freund des Philosophen. Nach dessen Tod begründete er 1805 die Gesellschaft der Freunde Kants, die sich jedes Jahr an dessen Geburtstag am 22. April zu einem „feierlichen Gedächtnismahl“ trafen, eine Tradition, die unsere Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs fortsetzt.

Der Arzt Dr. Johann Benjamin Jachmann, der Bruder von Kants erstem Biographen Reinhold Bernhard Jachmann, hatte ebenso wie Dr. William Motherby in Edinburgh Medizin studiert und führte mit Kant einen umfangreichen Briefwechsel.
Kants starkes Interesse an der Medizin zeigte sich daran, dass er auch einige Schriften über medizinische Themen veröffentlichte, zuerst 1764 den Aufsatz Versuch über die Krankheiten des Kopfes. Er vertritt darin die Ansicht, dass Geisteskrankheiten sich aus körperlichen Krankheiten entwickeln, und schreibt:
„Diese traurigen Übel, wenn sie nur nicht erblich sind, lassen noch eine glückliche Genesung hoffen, und derjenige, dessen Beistand man hiebei vornehmlich zu suchen hat, ist der Arzt. Doch möchte ich ehrenhalber den Philosophen nicht gerne ausschließen, welcher die Diät des Gemüths verordnen könnte; nur unter dem Beding, daß er hiefür, wie für seine mehrste andere Beschäftigung keine Bezahlung fordere.“
Im Jahre 1782 gab es in Nordosteuropa eine Grippeepidemie. Kant verfasste darüber eine Nachricht an Ärzte, die in den „Königsbergschen gelehrten und politischen Zeitungen“ vom 18. April 1782 erschien. Er verglich darin die Epidemie, die sich von St. Petersburg aus die Küste der Ostsee hinunter bis über Danzig verbreitete, mit einer ähnlichen Epidemie im Jahre 1775 in London. Als Begründung dafür, dass er sich als Nichtmediziner mit dieser Epidemie beschäftigte, gab er an:
„Die merkwürdige und wundersame Epidemie, die nur so eben bei uns nachgelassen hat, ist in Ansehung ihrer Symptomen und dawider dienlicher Heilmittel zwar eigentlich nur ein Gegenstand für Ärzte; aber ihre Ausbreitung und Wanderschaft durch große Länder erregt doch auch die Befremdung und Nachforschung desjenigen, der diese sonderbare Erscheinung blos aus dem Gesichtspunkte eines physischen Geographen ansieht. In diesem Betracht wird man es nicht für einen Eingriff in fremdes Geschäfte halten, wenn ich Ärzten von erweiterten Begriffen zumuthe, dem Gange dieser Krankheit, die nicht durch die Luftbeschaffenheit, sondern durch bloße Ansteckung sich auszubreiten scheint, so weit als möglich nachzuspüren.“
Im Jahre 1796 widmete der Anatom Samuel Thomas v. Soemmerring, ein Verehrer Kants, ihm seine Schrift Über das Organ der Seele und bat ihn um ein Nachwort. Gestützt auf exakte Zergliederungen menschlicher Gehirne vertrat Sömmering darin die Ansicht, der Sitz der Seele sei im Wasser der Hirnhöhle zu suchen, in dem die meisten Nerven enden. In seinem Nachwort, das Sömmering mit seiner Schrift abdruckte, erklärte Kant es für unmöglich, darauf eine sowohl Mediziner als auch Philosophen befriedigende Antwort zu geben.

Einen körperlichen Sitz der Seele ausfindig zu machen, wäre nach Kant eine für die Metaphysik unauflösliche Aufgabe.
Kant beschäftigte sich auch ausgiebig mit den Pocken, die im 18. Jahrhundert für alle Menschen eine Gefahr waren wie die Pest im Mittelalter; bis zu 10% aller Kleinkinder starben daran. Es gab die Möglichkeit, sich die Pocken einimpfen zu lassen und dadurch gegen die Krankheit immun zu werden; es bestand aber auch die Gefahr, dadurch krank zu werden und sogar zu sterben. Kant sah diese Art der Pockenimpfung als eine mögliche Verletzung der Pflicht, die jeder Mensch als ein animalisches Wesen gegen sich selbst hat, und schrieb in seinem Werk Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre (1797) unter der Überschrift Casuistische Fragen:
„Wer sich die Pocken einimpfen zu lassen beschließt, wagt sein Leben aufs Ungewisse, ob er es zwar thut, um sein Leben zu erhalten, und ist so fern in einem weit bedenklicheren Fall des Pflichtgesetzes, als der Seefahrer, welcher doch wenigstens den Sturm nicht macht, dem er sich anvertraut, statt dessen jener die Krankheit, die ihn in Todesgefahr bringt, sich selbst zuzieht. Ist also die Pockeninoculation erlaubt?“
Einige Leser baten ihn um Antwort auf diese Frage. Was Kant ihnen geantwortet hat, ist nicht bekannt; ein Entwurf dazu befindet sich auf einem seiner „Memorienzettel“:
„Heroische Mittel der Ärzte sind die, welche auf Tod und Leben, oder was eben so viel ist, auf die Gefahr des Patienten lebenslang krank zu werden, gewagt werden (auch nur eine Ansteckung beständig fürchten zu müssen). — Der weise Gebrauch solcher Mittel kann nicht von einzelnen Menschen, sondern muss von der Vorsehung erwartet werden, welche Krieg und Kinderpocken (und zwar absichtlich) gewollt zu haben scheint, um die grosse Vermehrung der Menschen hiedurch zu beschränken. — Ob dieses nun gleich, was den Krieg betrifft, kein den Menschen erlaubtes Mittel ist, so ist doch das zweite Mittel, nämlich das der Kinderpocken durch andere Menschen erlaubt: Dass nämlich die Regierung die Pockeninoculirung d u r c h g ä n g i g anbefehle, da sie dann für jeden Einzelnen unvermeidlich, mithin erlaubt ist.“ Kant war also für den Impfzwang!
Die Schutzimpfung mit Kuhpocken, die Ende des 18. Jahrhunderts zuerst in England aufkam, lehnte Kant dagegen ab und meinte sogar, dass die Menschheit sich dadurch zu sehr mit den Tieren familiarisieren würde und Gefahr liefe, sich eine Art von Brutalität (in physischem Sinne) einimpfen zu lassen. Er befürchtete auch, dass dadurch dem Menschen Empfänglichkeit für die Viehseuche übertragen werden könnte. Sein Schüler und Freund Dr. William Motherby führte aber dennoch die Schutzimpfung mit Kuhpocken in Königsberg ein.
Das große Interesse Kants an medizinischen Dingen lässt sich ohne Zweifel auch durch seinen schwächlichen Körper erklären, der ihn veranlasste, ständig auf seine Gesundheit zu achten. Sein Schüler und Biograph Reinhold Bernhard Jachmann beschrieb Kants Körper wie folgt:
„Kants Körper war von der Natur gewiss nicht zu einer achtzigjährigen Lebensdauer bestimmt. Er hat der Natur das Leben abgezwungen. Das ganze Gebäude seines Körpers war so schwach, dass nur ein Kant es so viele Jahre unterstützen und erhalten konnte. Es scheint als hätte die Natur bei der Bildung dieses seltenen Erdenbürgers alles auf seinen geistigen Teil verwandt; ja als hätte sie ihm die schwache Hülle zu mehrerer Stärkung seines Geistes mitgegeben. Sein Körper war kaum fünf Fuß hoch“ (etwa 1,56 m); „der Kopf im Verhältnis zu dem übrigen Körper sehr groß; die Brust sehr flach und beinahe eingebogen; der rechte Schulterknochen hinterwärts etwas herausgedehnt. Die übrigen Teile des Körpers hatten untereinander ein gehöriges Ebenmaß. Sein Knochenbau war äußerst schwach, schwächer aber noch seine Muskelkraft. Der ganze Körper war mit so wenigem Fleisch bedeckt, dass er seine Kleider nur durch künstliche Mittel halten konnte.“

Kants Rücken war gegen Ende seines Lebens sehr krumm geworden.

Trotz seines schwächlichen Körpers war Kant in seinem ganzen Leben nie richtig krank gewesen. Mit seinen Tischfreunden sprach Kant nie über seinen Geist, also seine Philosophie, aber er sprach umso mehr von seinem Körper. Mit Zunahme seiner körperlichen Schwächen und Übel nahmen auch seine Gespräche über seine körperliche Beschaffenheit zu. Jachmann berichtete darüber:
„Es hat vielleicht nie ein Mensch gelebt, der eine genauere Aufmerksamkeit auf seinen Körper und auf alles, was diesen betrifft, angewandt hat als Kant; … Ihn interessierte die Erreichung eines hohen Alters; er hatte eine ganze Liste von altgewordenen Menschen im Gedächtnis, er führte öfters die noch ältern Männer aus den hohen Ständen in Königsberg an und freute sich, dass er nach und nach avancierte und nicht viel Ältere mehr vor sich habe; er ließ sich viele Jahre hindurch von dem Königsbergschen Polizeidirektorio die monatlichen Sterbelisten einreichen, um darnach die Wahrscheinlichkeit seiner Lebensdauer zu berechnen, und merkwürdig ist es, dass er bei der Angabe seines Alters nie das Jahr nannte, in welchem er lebte, sondern das bevorstehende, in welches er den künftigen zweiundzwanzigsten April treten würde. In der festen Hoffnung, immer noch ein neues Lebensjahr zu erreichen, trug er selbst zur Erreichung desselben durch vernünftige Aufmerksamkeit auf seinen Körper bei, …
Zwei beständige Übel, worüber Kant sich seit Jahren beschwerte, waren die sogenannte Blähung auf dem Magenmunde und der Druck aufs Gehirn. Von ersterer muss er die Ursache wohl mehr in einem organischen Fehler des Magens gesucht haben, als in einer Schwäche desselben, wie ihn seine medizinischen Freunde versichern wollten, …
Was seine Klage über einen beständigen Druck aufs Gehirn betrifft, so leitete er diesen von einer krampfhaften Zusammenziehung des Gehirns her und setzte … die Ursache in eine eigene ganz besonders auf ihn wirkende Elektrizitätsbeschaffenheit der Atmosphäre, die schon seit Jahren daure und an einem Orte einen fast allgemeinen Katzentod, wie in Kopenhagen, bewirkt, an dem andern die Sperlinge fast rein ausgerottet habe, …“
Trotz dieser Beschwerden wurde Kant fast 80 Jahre alt. Sein Schüler und Biograph Ehregott Andreas Christoph Wasianski erklärte das mit Kants immer gleichem Tagesablauf:
„Gerade diese Ordnung und seine sich stets gleiche Diät scheinen viel zu seinem langen Leben beigetragen zu haben, und er sah daher auch seine Gesundheit und sein hohes Alter fast als sein eigenes Werk an; ja als ein Kunststück, wie er es selbst nannte: bei so vielen Gefahren, denen das Leben ausgesetzt ist, sich noch bei allem Schwanken im Gleichgewicht zu erhalten. … Diese Sorgfalt für die Erhaltung seiner Gesundheit war auch die Ursache, warum ihn neue Systeme und Erfindungen in der Medizin so sehr interessierten.“
Die Sorge um seine Gesundheit war auch der wichtigste Grund, warum Kant Königsberg nicht verließ. Eine sehr vorteilhafte Berufung an die Universität Erlangen lehnte er 1769 ab und führte als Begründung dafür an „die Anhänglichkeit an eine Vaterstadt und ein ziemlich ausgebreiteter Kreis von Bekanten und Freunden, am meisten aber meine schwächliche Leibesbeschaffenheit, …“
Unter seinem schwächlichen Körper und die damit verbundenen Unpässlichkeiten musste Kant sein ganzes Leben lang leiden und hat auf dieser Basis dennoch sein gewaltiges Werk geschaffen. Wie schwer ihm das fiel, zeigt sein Briefwechsel mit Dr. med. Marcus Herz (1747-1803), der 1772 aus Berlin nach Königsberg gekommen war und von 1766 bis 1770 dort an der Albertina Medizin und bei Kant Philosophie studierte. Herz war Respondent bei der Verteidigung der Inauguraldissertation Kants. 1770 kehrte er nach Berlin zurück und wurde dort einer der angesehensten Ärzte. Ab 1776 hielt er Vorlesungen über Medizin, Philosophie und Physik. Am 31. August 1770 schrieb Kant an ihn:
„Ich bin dieser Tage her sehr unpäslich gewesen und die mit einmal wieder angefangene überhäufte Last der collegien hat mir nicht erlaubt Erholungen zu suchen, … Die kühlere Witterung und die künftig etwas mäßiger zu übernehmende Arbeit machen mir Hofnung den kleinen Antheil der Gesundheit den ich sonst genoßen habe wieder zu erwerben. Ich werde mir noch die Freyheit nehmen Sie um die consultation eines oder andern ihrer dortigen geschickten Ärtzte zu ersuchen.“

In seinem Antwortbrief vom 11. September 1770 schrieb Herz an Kant:
„Wenn Sie für gut befinden, daß ich hiesige Aerzte consultire, so belieben Sie so gut zu seyn, u. schreiben mir umständlich den ganzen Zustand ihres Körpers, wie glücklich möchte ich mich schätzen, wenn ich auch nur das kleinste Werkzeug zu Ihrem Wohlbefinden seyn könnte!“
Kants große Interesse an der Medizin zeigt sich auch daran, dass er seinem Schüler Ratschläge für das Medizinstudium gab. Ende 1773 schrieb er an Herz: „Die Übung im Praktischen der Arzneykunst unter der Anführung eines geschikten Lehrers ist recht nach meinem Wunsche. Der Kirchhof darf künftig nicht vorher gefüllet werden ehe der junge Doktor die Methode lernt wie er es recht hätte angreifen sollen. Machen sie ja fein viele Beobachtungen. …“
Am 20. August 1777 schrieb Kant an Herz:
„Ihr Buch an Ärtzte hat mir überaus wohl gefallen und wahre Freude gemacht, … Der beobachtende und praktische Geist leuchtet darinn, unter Ihrer mir schon bekannten Feinheit in allgemeineren Begriffen, so vortheilhaft hervor: daß, wenn Sie fortfahren die Arzneykunst mit der Forschbegierde eines Experimentalphilosophen und zugleich mit der Gewissenhaftigkeit eines Menschenfreundes zu treiben und ihr Geschäfte zugleich als eine Unterhaltung vor den Geist, nicht blos als Brodkunst anzusehen Sie in kurzem sich unter den Ärtzten einen ansehnlichen Rang erwerben müssen. …“
In seinem Brief Anfang April 1778 an Marcus Herz legte er dar, wie vorsichtig er vorging, um sein Leben noch etwas zu verlängern:
„Alle Veränderung macht mich bange, ob sie gleich den größten Anschein zur Verbesserung meines Zustandes giebt und ich glaube auf diesen Instinkt meiner Natur Acht haben zu müssen, wenn ich anders den Faden, den mir die Parzen sehr dünne und zart spinnen, noch etwas in die Länge ziehen will.“
Man kann sich deshalb vorstellen, wie erfreut Kant war, als ihm Hufeland plötzlich sein Buch schickte „Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“, das die Antwort eines Arztes auf die Frage zu geben schien, die Kant sein Leben lang beschäftigt hatte, nämlich wie er trotz seines schwächlichen Körpers möglichst lange leben könne. Das Geschenk Hufelands hatte auf Kant einen ungeheuren Einfluss. Er machte sich viele Auszüge aus dem Buch, die er auf seine kleinen „Memorienzettel“ schrieb, um sie nicht zu vergessen. Er verglich sein Alter mit dem anderer Philosophen, mit dem seiner Kollegen oder anderer Menschen aus seiner Umgebung und erkundigte sich seit dieser Zeit genauer nach den wöchentlichen Mortalitäts-Tabellen der Stadt. Wie sehr ihn Hufelands Buch beeindruckt hatte, zeigt sich aber vor allem daran, dass Kant trotz seiner Schwäche sich aufraffte und den Aufsatz schrieb „Von der Macht des Gemüts durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“.
Der erste Teil des Buchs von Hufelands Buch enthält die Theorie der Makrobiotik. In der Vorrede erklärt Hufeland, dass die Makrobiotik andere Zwecke, andere Mittel und andere Grenzen habe als die Medizin:
„Der Zweck der Medizin ist Gesundheit, der Makrobiotik hingegen langes Leben; die Mittel der Medizin sind nur auf den gegenwärtigen Zustand und dessen Veränderung berechnet, die der Makrobiotik aber aufs Ganze; … die praktische Medizin ist also, in Beziehung auf die Makrobiotik, nur als eine Hilfswissenschaft zu betrachten, die einen Teil der Lebensfeinde, die Krankheiten, erkennen, verhüten und wegschaffen lehrt, die aber selbst dabei den höheren Gesetzen der Makrobiotik untergeordnet werden muss.“
Für die Verlängerung des Lebens, sagte Hufeland, komme es als erstes auf nähere Kenntnis der Natur des Lebens und der Lebenskraft an. Das sei nur in der Weise möglich, dass man ihre Eigenschaften und Kräfte erforsche. Was ist Leben und Lebenskraft? Es sind Worte, wie auch die Schwerkraft, die Anziehungskraft, die magnetische Kraft, „die alle im Grunde weiter nichts bedeuten, als das x in der Algebra, die unbekannte Größe, die wir suchen. … Unstreitig gehört die Lebenskraft unter die allgemeinsten, unbegreiflichsten und gewaltigsten Kräfte der Natur. … Sie ists, die alles hervorbringt, erhält, erneuert, … ein wahrer ewiger Hauch der Gottheit.“
Nach Hufeland verhält sich die Lebensdauer eines Geschöpfs wie die Summe der ihm angeborenen Lebenskräfte, die stärkere oder schwächere Festigkeit seiner Organe, die schnellere oder langsamere Geschwindigkeit der Konsumtion, also des Verbrauchs der Lebenskraft, und die bessere oder schlechtere Restauration, also Wiederherstellung der Lebenskraft. Die Verlängerung des Lebens hält er für möglich, wenn diese vier Punkte beachtet werden, auf denen die Dauer des Lebens beruht: Stärkung der Lebenskraft, Stärkung der Organe, Verlangsamung des Verbrauchs der Lebenskraft und Beförderung und Erleichterung der Wiederersetzung oder Regeneration. „Je mehr also Nahrung, Kleidung, Lebensart, Klima, selbst künstliche Mittel, diesen Erfordernissen ein Genüge tun, desto mehr werden sie zur Verlängerung des Lebens wirken; je mehr sie diesen entgegen arbeiten, desto mehr werden sie die Dauer der Existenz verkürzen.“
Hufeland verglich die Lebensdauer der Pflanzen, der Tiere und der Menschen und kam zu dem Ergebnis, dass die „Retardation der Lebensconsumtion“ – also ein langsamerer Verbrauch der Lebenskraft – „… das wichtigste Verlängerungsmittel des Lebens“ sei. … Die Energie des Lebens wird also mit seiner Dauer im umgekehrten Verhältnis stehen, oder je mehr ein Wesen intensiv lebt, desto mehr wird sein Leben an Extension verlieren.“
Das gilt nach Hufeland nicht nur für den Menschen, sondern für die ganze Natur: „Je weniger intensiv das Leben eines Wesens ist, desto länger dauert es. Man vermehre durch Wärme, Düngung, künstliche Mittel, das intensive Leben einer Pflanze, sie wird schneller vollkommner sich entwickeln, aber auch sehr bald vergehen.“ Als weiteres Beispiel führt er an, „dass die höheren Klassen der Tiere ungleich mehr Reichtum und Vollkommenheit der Lebenskraft besitzen, als die Pflanzen, und dennoch lebt ein Baum wohl hundert Mal länger, als das lebensvolle Pferd, weil das Leben des Baums intensiv schwächer ist. – Auf diese Weise können sogar schwächende Umstände, wenn sie nur die intensive Wirksamkeit des Lebens mindern, Mittel zur Verlängerung desselben werden, hingegen lebensstärkende und erweckende Einflüsse, wenn sie die innere Regsamkeit zu sehr vermehren, der Dauer desselben schaden und man sieht schon hieraus, wie eine sehr starke Gesundheit ein Hinderungsmittel der Dauer, und eine gewisse Art von Schwächlichkeit das beste Beförderungsmittel des langen Lebens werden kann …“.
Diese Feststellung muss Kant, der mit seinem schwächlichen Körper doch lange leben wollte, sehr gefallen haben!
Hufeland schrieb weiter, so wie jede Tierart ihre absolute Lebensdauer habe, so auch der Mensch. Er behauptete: „Die menschliche Organisation und Lebenskraft sind im Stande eine Dauer und Wirksamkeit von 200 Jahren auszuhalten. Die Fähigkeit, so lange zu existieren, liegt in der menschlichen Natur, absolute genommen. … Man kann annehmen, dass ein Tier acht Male länger lebt, als es wächst. Nun braucht der Mensch im natürlichen, nicht durch Kunst beschleunigten Zustand, 25 volle Jahre, um sein vollkommnes Wachstum und Ausbildung zu erreichen, und auch dies Verhältnis gibt ihm ein absolutes Alter von 200 Jahre.“
Den Einwand, ein so hohes Alter sei unnatürlich oder die Ausnahme von der Regel und ein kürzeres Leben sei der natürliche Zustand, ließ Hufeland nicht gelten, sondern betonte, „dass fast alle vor dem hunderten Jahre erfolgenden Todesarten, künstlich d. h. durch Krankheiten oder Zufälle hervorgebracht sind. Und es ist gewiss, dass bei weitem der größte Teil des Menschengeschlechts eines unnatürlichen Todes stirbt, etwa von 10.000 erreicht nur einer das Ziel von 100 Jahren.“
Hufeland gibt viele Beispiele von Menschen, die sehr alt geworden seien, z. B. „unter den Eremiten und Klostergeistlichen, die bei der strengsten Diät, Selbstverleugnung und Abstraktion, gleichsam entbunden von allen menschlichen Leidenschaften … ein kontemplatives Leben, doch mit körperlicher Bewegung und Luftgenuss verbunden, führten. So wurde der Apostel Johannes 93 Jahre, der Eremit Paullus, bei einer fast unglaublich strengen Diät und in einer Höhle, 113, und der heilige Antonius 105 Jahre alt; … Selbst in neuern Zeiten haben die Philosophen diesen Vorzug sich erhalten. Und die größten und tiefsten Denker scheinen darin eine Frucht mehr ihrer geistigen Freuden zu genießen. … Newton, der so ganz alle seine Freuden und Genüsse in höhern Sphären fand, dass man versichert, er habe seine Jungfrauschaft mit ins Grab genommen, kam bis auf 90 Jahre; … und noch jetzt zeigt der größte lebende Philosoph, Kant, dass die Philosophie nicht nur das Leben lange erhalten, sondern auch noch im höchsten Alter die treueste Gefährtin und eine unerschöpfliche Quelle der Glückseligkeit für sich und andere bleiben kann.“
Den zweiten, praktischen Teil seines Werks leitet Hufeland mit den Worten ein:
„Wir sind beständig von Freunden und Feinden des Lebens umgeben. Wer es mit den Freunden des Lebens hält, wird alt; wer hingegen die Feinde vorzieht, verkürzt sein Leben. …
Das Hauptsächliche der Kunst, lange zu leben, wird also vor allen Dingen darin bestehen, dass wir Freunde und Feinde in dieser Absicht gehörig unterscheiden und letztere vermeiden lernen; oder mit andern Worten, die Kunst der Lebensverlängerung zerfällt in 2 Teile:
- Vermeidung der Feinde und Verkürzungsmittel des Lebens.
- Kenntnis und Gebrauch der Verlängerungsmittel.“
Hufeland behandelt zuerst die Verkürzungsmittel des Lebens, die zu vermeiden sind. Dazu gehört alles, „was
- Entweder die Summe der Lebenskraft an sich vermindert.
- Oder was den Organen des Lebens ihre Dauer und Brauchbarkeit nimmt.
- Oder was die Lebensconsumtion unsrer selbst beschleunigt.
- Oder was die Restauration hindert.“
Die folgenden Verkürzungsmittel des Lebens listet er auf und erklärt sie:
- Die schwächliche Erziehung.
- Ausschweifungen in der Liebe – Verschwendung der Zeugungskraft – Onanie, sowohl physische als moralische.
- Übermäßige Anstrengung der Seelenkräfte.
- Krankheiten – deren unvernünftige Behandlung – gewaltsame Todesarten – Trieb zum Selbstmord.
- Unreine Luft – das Zusammenwohnen der Menschen in großen Städten.
- Unmäßigkeit im Essen und Trinken – die raffinierte Kochkunst – geistige Getränke.
- Lebensverkürzende Seelenstimmungen und Leidenschaften – üble Laune – allzugroße Geschäftigkeit.
- Furcht vor dem Tode.
- Müßiggang – Untätigkeit – Lange Weile.
- Überspannte Einbildungskraft – Krankheitseinbildung – Empfindeley.
- Gifte, sowohl physische als contagiöse.
- Das Alter – frühzeitige Inoculation desselben.
Von seinen Ausführungen in diesem Abschnitt will ich etwas aus Kapitel 8 zitieren, Furcht vor dem Tode:
„Keine Furcht macht unglücklicher, als die Furcht vor dem Tode. Sie fürchtet etwas, was ganz unvermeidlich ist, und wofür wir keinen Augenblick sicher seyn können, sie genießt jede Freude mit Angst und Zittern; sie verbietet sich alles, weil alles ein Vehikel des Todes werden kann, und so über dieser ewigen Besorgnis, das Leben zu verlieren, verliert sie es wirklich. Keiner, der den Tod fürchtete, hat ein hohes Alter erreicht.
Liebe das Leben und fürchte den Tod nicht, das ist das Gesetz und die Propheten, die einzige wahre Seelenstimmung, um glücklich und alt zu werden.“
Hufeland gibt einige Regeln an, „die, wenn sie auch gleich keine metaphysische Tiefe haben sollten, ich doch als recht gute Hausmittel gegen die Todesfurcht empfehlen kann, die ich aus Erfahrung als sehr wirksam kenne:
- Man mache sich mit dem Gedanken an den Tod recht bekannt. Nur der ist in meinen Augen glücklich, der diesem unentfliehbaren Feinde so oft recht nahe und beherzt in die Augen gesehen hat, dass er ihm durch lange Gewohnheit endlich gleichgültig wird. Wie sehr täuschen sich die, die in der Entfernung des Gedankens an den Tod dies Mittel gegen die Todesfurcht zu finden glauben! … Genug, ich kann nur den für glücklich erklären, der es dahin gebracht hat, mitten im Freudengenuss sich den Tod zu denken, ohne dadurch gestört zu werden, und man glaube mir es auf meine Erfahrung, dass man durch öftere Bekanntmachung mit dieser Idee und durch Milderung ihrer Vorstellungsart es darin zuletzt zu einer außerordentlichen Gleichgültigkeit bringen kann. Man sehe doch die Soldaten, die Matrosen, die Bergleute an. Wo findet man glücklichere und lustigere, für jede Freude empfänglichere Menschen? Und warum? Weil sie durch die beständige Nähe des Todes ihn verachten gelernt haben. Wer den Tod nicht mehr fürchtet, der allein ist frey, es ist nichts mehr, was ihn fesseln, ängstigen oder unglücklich machen könnte. Seine Seele füllt sich mit hohem unerschütterlichen Mute, der selbst die Lebenskraft stärkt, und dadurch selbst ein positives Mittel wird, ihn zu entfernen.
- Noch hat diese Gewohnheit einen nicht unwichtigen Nebennutzen. Sie ist auch ein vortreffliches Hausmittel tugendhaft und rechtschaffen zu bleiben. Bei jedem zweifelhaften Fall, bei jeder Frage, ob etwas recht oder unrecht sei, denke man sich nur gleich an die letzte Stunde des Lebens hin, und frage sich: würdest du da so oder so handeln, würdest du da wünschen, so oder so gehandelt zu haben? … Ist man gegen jemand aufgebracht oder missgünstig, oder bekommt man Lust sich wegen einer angetanen Beleidigung zu rächen, – nur an jene Stunde gedacht, und an das Verhältnis, was dort entstehen wird, und ich stehe dafür, dass jene missgünstigen oder menschenfeindlichen Ideen sogleich verschwinden werden. Die Ursache ist, weil durch diese Versetzung des Schauplatzes alle jenen kleinlichen und selbstsüchtigen Rücksichten aufgehoben werden, die uns so gewöhnlich bestimmen; alles bekommt mit einem Male seinen wahren Gesichtspunkt, sein wahres Verhältnis, die Täuschung verschwindet, das wesentliche bleibt.“
Im zweiten Abschnitt gibt Hufeland die Verlängerungsmittel des Lebens an: es sind:
- Gute physische Herkunft.
- Vernünftige physische Erziehung.
- Tätige und arbeitsame Jugend.
- Enthaltsamkeit von dem Genuss der physischen Liebe in der Jugend und außer der Ehe.
- Glücklicher Ehestand.
- Der Schlaf.
- Körperliche Bewegung.
- Genuss der freien Luft – mäßige Temperatur der Wärme.
- Das Land- und Gartenleben.
- Reisen.
- Reinlichkeit und Hautkultur – über die linnene und flanellene Bekleidung.
- Gute Diät und Mäßigkeit im Essen und Trinken – Erhaltung der Zähne.
- Ruhe der Seele – Zufriedenheit – Lebensverlängernde Seelenstimmungen und Beschäftigungen.
- Wahrheit des Charakters.
- Angenehme und mäßig genossene Sinnes- und Gefühlsreize.
- Verhütung und vernünftige Behandlung der Krankheiten – gehöriger Gebrauch der Medizin und des Arztes – Haus- und Reiseapotheke.
- Rettung in schnellen Todesgefahren.
- Das Alter und seine gehörige Behandlung.
- Kultur der geistigen und körperlichen Kräfte.
Von den Mitteln für die Verlängerung des Lebens, die Hufeland nennt, will ich nur einige wenige zitieren, in der Hoffnung, dass es Ihnen gelingt, das ganze Buch einmal selbst zu lesen.
„Man kann mit Wahrheit behaupten, dass der größte Teil der Menschen viel mehr isst, als er nötig hat, und schon in der Kindheit wird uns durch das gewaltsame Hinunterstopfen und Überfüttern der natürliche Sinn genommen, zu wissen, wenn wir satt sind.
Ich werde also hier nur solche Regeln in Absicht aufs Essen und Trinken geben, die allgemein gültig sind, und von denen ich überzeugt bin, dass sie wesentlichen Einfluss auf Verlängerung des Lebens haben.
- Nicht das, was wir essen, sondern das, was wir verdauen, komm uns zu gute und gereicht uns zur Nahrung. – Folglich, wer alt werden will, der esse langsam, denn schon im Munde müssen die Speisen den ersten Grad von Verarbeitung und Verähnlichung erleiden. Dieß geschieht durch das gehörige Zerkauen und die Vermischung mit Speichel, welches beydes ich als ein Hauptstück des ganzen Restaurationsgeschäfts betrachte, und daher einen großen Werth zur Verlängerung des Lebens darauf lege, um so mehr, da nach meinen Untersuchungen, alle sehr alt gewordene die Gewohnheit an sich hatten, langsam zu essen.
- Es kommt hierbey also sehr viel auf gute Zähne an, daher ich die Erhaltung der Zähne mit Recht unter die lebensverlängernden Mittel zähle. …
- Man hüte sich ja, bei Tisch nicht zu studieren, zu lesen oder den Kopf anzustrengen.“
Wie man sieht, kannte Hufeland noch keine Smartphones, auf die heutzutage viele Menschen während des Essens blicken. –
Hufeland schreibt weiter:
„Dieser Zeitpunkt muss schlechterdings dem Magen heilig seyn. Es ist die Zeit seines Regiments, und die Seele darf nur insofern mit ins Spiel kommen, als nötig ist, ihn zu unterstützen. So ist z. B. das Lachen eins der größten Verdauungsmittel, das ich kenne, … – Genug, man suche frohe und muntere Gesellschaft bey Tisch zu haben. Was in Freuden und Scherz genossen wird, das gibt gewiss auch gutes und leichtes Blut.“
Etwas weiter schreibt er: „Auch Freude ist eine der größten Lebenspanaceen. … Hier darf auch der körperliche Ausbruch der Freude, das Lachen, nicht unerwähnt bleiben. Es ist die gesündeste aller Leibesbewegungen (denn es erschüttert Seele und Körper zugleich), befördert Verdauung, Blutumlauf, Ausdünstung, und ermuntert die Lebenskraft in allen Organen.“
In seinem ersten Antwortschreiben an Hufeland hatte Kant angekündigt, einiges aus dessen Buch über die Lebensverlängerung auch in seiner Anthropologie zu benutzen. Etwa anderthalb Jahre nach Hufelands Buch erschien 1798 Kants „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, und tatsächlich finden sich darin Stellen, die Kant von Hufeland übernommen zu haben scheint. So schreibt er im Ersten Teil, Drittes Buch, § 88 seines Buchs etwas über die verdauungsfördernde Wirkung des Lachens:
„Bei einer vollen Tafel, wo die Vielheit der Gerichte nur auf das lange Zusammenhalten der Gäste (coenam ducere)abgezweckt ist, geht die Unterredung gewöhnlich durch drei Stufen: 1) Erzählen, 2) Räsonniren und 3) Scherzen. …
Weil aber das Vernünfteln immer eine Art von Arbeit und Kraftanstrengung ist, diese aber durch einen während desselben ziemlich reichlichen Genuß endlich beschwerlich wird: so fällt die Unterredung natürlicherweise auf das bloße Spiel des Witzes, … und so endigt die Mahlzeit mit Lachen; welches, wenn es laut und gutmüthig ist, die Natur durch Bewegung des Zwergfells und der Eingeweide ganz eigentlich für den Magen zur Verdauung als zum körperlichen Wohlbefinden bestimmt hat; …“
Am Ende seines Buchs schrieb Hufeland über „Das Alter und seine gehörige Behandlung“:
„Das Alter, unerachtet es an sich die natürliche Folge des Lebens und der Anfang des Todes ist, kann doch selbst wieder ein Mittel werden, unsere Tage zu verlängern. Es vermehrt zwar nicht die Kraft zu leben, aber es verzögert ihre Verschwendung, und so kann man behaupten, der Mensch würde in der letzten Periode seines Lebens, in dem Zeitraum der schon verminderten Kraft, seine Laufbahn eher beschließen, wenn er nicht alt würde.
Dieser etwas paradox scheinende Satz wird durch folgende Erläuterungen seine Bestätigung erhalten. Der Mensch hat im Alter einen weit geringeren Vorrat von Lebenskraft, und weniger Fähigkeit sich zu restaurieren. Lebte er nun noch mit eben der Tätigkeit und Lebhaftigkeit fort, als vorher, so würde dieser Vorrat weit schneller erschöpft sein, und der Tod bald erfolgen. Nun vermindert aber der Charakter des Alters die natürliche Reizbarkeit und Empfindlichkeit, dadurch wird die Wirkung der inneren und äußeren Reize, und folglich die Kraftäußerung und Kraftverschwendung auch vermindert, und so kann er bei der geringeren Konsumtion mit diesem Kraftvorrat weit länger auskommen. Die Abnahme der Intension des Lebensprozesses mit dem Alter verlängert also seine Dauer.“
Kants Aufsatz Von der Macht des Gemüths durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu seyn erschien 1797 im Novemberheft von Hufelands Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst und 1798 auch noch als dritter Teil von Kants Werk Der Streit der Fakultäten. Der Text ist in beiden Fällen derselbe, aber bei der Erstveröffentlichung in dem Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst haben sowohl Hufeland als auch Kant Anmerkungen zu dem Text hinzugefügt, die Kant in sein Werk Der Streit der Fakultäten nicht übernommen hat; deswegen sind sie auch in der Akademie-Ausgabe der Werke Kants nicht enthalten. Sehen wir uns Kants Aufsatz und diese Anmerkungen einmal an!


Kant lobt Hufelands „Bestreben, das Physische im Menschen moralisch zu behandeln“: „Eine solche Ansicht der Sache verrät den Philosophen, nicht den bloßen Vernunftkünstler; einen Mann, der nicht allein … die von der Vernunft verordneten Mittel der Ausführung (technisch), wie sie die Erfahrung darbietet, zu seiner Heilkunde mit Geschicklichkeit, sondern … aus der reinen Vernunft hernimmt, welche zu dem, was hilft, mit Geschicklichkeit auch das, was zugleich an sich Pflicht ist, mit Weisheit zu verordnen weiß: so daß moralisch-praktische Philosophie zugleich eine Universalmedicin abgiebt, die zwar nicht Allen für Alles hilft, aber doch in keinem Recepte mangeln kann.
Dieses Universalmittel betrifft aber nur die Diätetik, d.i. es wirkt nur negativ, als Kunst, Krankheiten abzuhalten. Dergleichen Kunst aber setzt ein Vermögen voraus, das nur Philosophie, oder der Geist derselben … geben kann.“
In seinem Aufsatz Von der Macht des Gemüths durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu seyn gibt Kant aufgrund seiner eigenen Erfahrungen an, wie man es schaffen kann, allein durch Geisteskraft Krankheiten vorzubeugen: „Der Stoicism als Princip der Diätetik (sustine et abstine) gehört also nicht bloß zur praktischen Philosophie als Tugendlehre, sondern auch zu ihr als Heilkunde. — Diese ist alsdann philosophisch, wenn bloß die Macht der Vernunft im Menschen, über seine sinnliche Gefühle durch einen sich selbst gegebenen Grundsatz Meister zu sein, die Lebensweise bestimmt.“
Kant empfiehlt, sich nicht zu verzärteln, also z. B. Kopf und Füße kalt zu halten und die Füße mit kaltem Wasser zu waschen; nicht zu lange und nicht zu oft (z. B. Mittagsruhe) zu schlafen; „im Alter sich zu pflegen oder pflegen zu lassen, blos um seine Kräfte durch die Vermeidung der Ungemächlichkeit (z.B. des Ausgehens in schlimmem Wetter) oder überhaupt die Übertragung der Arbeit an Andere, die man selbst verrichten könnte, zu schonen, so aber das Leben zu verlängern, diese Sorgfalt bewirkt gerade das Widerspiel, nämlich das frühe Altwerden und Verkürzung des Lebens.“
In seinem Buch pries Hufeland die Ehe, nach seiner Definition „eine feste, heilige Verbindung zweier Personen von verschiedenem Geschlechte zur gegenseitigen Unterstützung, zur Kindererzeugung und Erziehung.“ Er führt aus: “Die Erfahrung sagt uns: Alle, die ein ausgezeichnet hohes Alter erreichen, waren verheiratet.“ Dem widersprach Kant, der ledig war, in seinem Aufsatz mit den Worten: „Auch daß sehr alt gewordene mehrentheils verehelichte Personen gewesen wären, möchte schwer zu beweisen sein.“
Er fügte dazu noch die Fußnote an:
„Hinwieder möchte ich doch die Beobachtung anführen: dass unverehelichte (oder jung verwitwete) alte Männer mehrenteils länger ein jugendliches Aussehen erhalten, als verehelichte, welches doch auf eine längere Lebensdauer zu deuten scheint. – Sollten wohl die letztern an ihren härteren Gesichtszügen den Zustand eines getragenen Jochs (davon conjugium), nämlich das frühere Altwerden verraten, welches auf ein kürzeres Lebensziel hindeutet?“
Hufeland nahm dazu in einer weiteren Fußnote Stellung: „Ich habe mich bei Aufstellung dieses Grundsatzes bloß durch die Erfahrung leiten lassen. Es stießen mir bei meinen Nachforschungen über das höchste Alter so viele Verheiratete auf, dass ich dadurch zuerst aufmerksam gemacht wurde. Ich fand nämlich bei allen Alten einen sehr beträchtlichen Überschuss auf Seiten der Verheirateten; von den außerordentlich hohen Alten (d. h. 120 – 160 Jährigen) fand ich durchaus gar keinen unverheiratet; ja sie hatten alle mehrmals und größtenteils noch in den letzten Zeiten ihres Lebens geheiratet. Dies allein bewog mich zu den Vermutungen von Einfluss der Zeugungskraft und des Ehestands aufs lange Leben, für die ich dann erst die theoretischen Gründe aufsuchte.“
Kant empfiehlt, sich im Alter mit Dingen zu beschäftigen, die man gern tut, um das Leben zu verlängern; also wird ein Philosoph philosophieren und ein Liebhaber von Singvögeln seine Vögel füttern. Er erklärt, wie er es geschafft hat, mit seiner flachen und engen Brust zu leben, die ihm früher sogar Lebensüberdruss verursacht hatte:
„…die Überlegung, daß die Ursache dieser Herzbeklemmung vielleicht bloß mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald dahin, daß ich mich an sie gar nicht kehrte, und während dessen, daß ich mich in der Brust beklommen fühlte, im Kopf doch Ruhe und Heiterkeit herrschte, … Und da man des Lebens mehr froh wird durch das, was man im freien Gebrauch desselben thut, als was man genießt, so können Geistesarbeiten eine andere Art von befördertem Lebensgefühl den Hemmungen entgegen setzen, welche bloß den Körper angehen. Die Beklemmung ist mir geblieben; denn ihre Ursache liegt in meinem körperlichen Bau. Aber über ihren Einfluß auf meine Gedanken und Handlungen bin ich Meister geworden durch Abkehrung der Aufmerksamkeit von diesem Gefühle, als ob es mich gar nicht anginge.“
Kant gibt Ratschläge für die Überwindung von Schlaflosigkeit (er konzentrierte seine Gedanken auf den Namen Cicero), für das Essen und Trinken (er aß nur einmal am Tag, mittags mit seinen Tischfreunden) und empfiehlt das Atmen nur durch die Nase, mit geschlossenen Lippen. Er kommt aber zu dem niederdrückenden Ergebnis, dass jemand lange leben und für sein Alter gesund sein, jedoch nichts mehr tun könne, nur noch essen, gehen und schlafen. Er schließt mit den Worten:
„Dahin führt die Kunst das menschliche Leben zu verlängern: daß man endlich unter den Lebenden nur so geduldet wird, welches eben nicht die ergötzlichste Lage ist.“
Dem hat Hufeland eine Fußnote angefügt:
„Dies Resultat, so wenig tröstlich es ist, ist vollkommen richtig, sobald wir an das, was der Mensch im vollkommenen Sinn ist und seyn soll, denken. Aber selbst das Beyspiel des würdigen Herrn Verfassers gibt ja einen sprechenden Beweis, was der Mensch auch im Alter noch für andre seyn kann, wenn die Vernunft immer, wie hier, seine oberste Gesetzgeberin war. – Und gesetzt auch, es fehlte ganz an dieser objectiven und bürgerlichen Existenz, sind uns nicht auch die Rudera eines schönen oder großen Gebäudes heilig und schätzbar? dienen sie uns nicht als Denkzeichen des Vergangenen, als Winke der Zukunft, als Lehre und als Beyspiel?“
In Kants Nachschrift zu diesem Aufsatz protestierte er gegen die Unsitte der Buchdrucker, nicht mit schwarzen, sondern grauen Buchstaben zu drucken, außerdem in kleiner Schrift, und ein Werk deutschen Inhalts mit lateinischen Buchstaben zu drucken, obwohl die deutsche Schrift besser für die Augen sei. Als nachahmenswertes Vorbild für einen guten Druck empfahl Kant die Berlinische Monatsschrift.

Dem fügte Hufeland eine lange Anmerkung bei, in der er ihm in vielen Punkten recht gab. Er widersprach aber Kants Behauptung, die lateinischen Buchstaben seien nicht so gut für die Augen wie die deutschen, denn wenn das wahr wäre, müssten die Augenfehler in England, Frankreich und anderen Ländern, wo man die lateinischen Buchstaben benutze, häufiger vorkommen als in Deutschland, was aber nicht der Fall sei. Ob jemand die lateinischen oder die deutschen Buchstaben leichter lesen könne, sei allein Gewohnheitssache. Im Übrigen spricht sich Hufeland dafür aus, durchgängig nur noch lateinische Buchstaben zu verwenden, weil auch mehr Ausländer die deutsche Sprache lernen würden, wenn sie nicht erst noch die anderen Buchstaben lernen müssten. Zum Schluss schreibt Hufeland:
„Ich gebe zu, dass manche ungeübte Leser für jetzt lateinische Lettern ungern, ja wohl gar nicht lesen; dies gilt aber nicht von scientifischen Schriften. Man mag also bey Schriften für die niedern Klassen noch teutsche Lettern gebrauchen, bey allen gebildeten Ständen beyderley Geschlechts ist das aber schon jetzt nicht mehr nöthig.“
Obwohl Kant die deutsche Schrift (Fraktur) vorzog, ließ Hufeland Kants Aufsatz in seiner medizinischen Fachzeitschrift in lateinischen Buchstaben (Antiqua) drucken. Der Streit um die Verwendung von lateinischer und deutscher Schrift zog sich im deutschsprachigen Raum über 300 Jahre hin. Die erste Gesamtausgabe der Werke Kants 1838 wurde mit lateinischen Buchstaben gedruckt, wobei sich die Herausgeber noch veranlasst sahen, das mit den Worten zu begründen, Kant gehöre der Weltliteratur an. Die Ausgabe der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften ab 1902, die bis heute maßgeblich ist, ist dagegen in Fraktur gedruckt. Schüler auf einem Gymnasium mussten beide Schriften beherrschen, während auf der Volksschule nur die deutsche Schrift unterrichtet wurde. Noch am 17. Oktober 1911 stimmten 75 % der Abgeordneten des deutschen Reichstags gegen den Antrag, in den Schulen die Antiqua neben der Fraktur einzuführen. Der Streit wurde entschieden von einem Vertreter der niederen Klassen, der aus Österreich stammte und in Deutschland an die Macht gekommen war. Er verfügte am 3. Januar 1941, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei und nach und nach sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden sollten. Das gilt noch heute.



Kants Aufsatz Von der Macht des Gemüts … erschien als dritter Teil seines Buchs Der Streit der Fakultäten unter der Überschrift Der Streit der philosophischen Fakultät mit der medizinischen. Der erste Teil ist Der Streit der philosophischen Fakultät mit der theologischen, der zweite Teil Der Streit der philosophischen Fakultät mit der juristischen, wo Kant die Frage untersucht: Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei. Im letzten Absatz dieses Abschnitts verweist Kant wieder auf die Medizin:
„Ein Arzt, der seine Patienten von Tag zu Tag auf baldige Genesung vertröstete: den einen, daß der Puls besser schlüge; den anderen, daß der Auswurf, den dritten, daß der Schweiß Besserung verspräche, u.s.w., bekam einen Besuch von einem seiner Freunde. Wie gehts, Freund, mit eurer Krankheit? war die erste Frage. Wie wirds gehen? Ich sterbe vor lauter Besserung! — Ich verdenke es Keinem, wenn er in Ansehung der Staatsübel an dem Heil des Menschengeschlechts und dem Fortschreiten desselben zum Besseren zu verzagen anhebt; allein ich verlasse mich auf das heroische Arzneimittel, welches Hume anführt und eine schnelle Cur bewirken dürfte. — »Wenn ich jetzt (sagt er) die Nationen im Kriege gegen einander begriffen sehe, so ist es, als ob ich zwei besoffene Kerle sähe, die sich in einem Porzellanladen mit Prügeln herumschlagen. Denn nicht genug, daß sie an den Beulen, die sie sich wechselseitig geben, lange zu heilen haben, so müssen sie hinterher noch allen den Schaden bezahlen, den sie anrichteten.“

Der Philosoph Kant hat offenbar die Philosophie als eine Art Medizin angesehen, mit der ein Mensch körperliche und seelische Gesundheit erreichen und damit zu seiner wahren Bestimmung gelangen könne. Gleichzeitig hat er die Philosophie als Heilmittel für die Staatsübel betrachtet.
Der Arzt Hufeland vertrat demgegenüber die Auffassung, „dass schon das Physische im Menschen auf seine höhere moralische Bestimmung berechnet ist, dass dieses einen wesentlichen Unterschied der menschlichen Natur von der tierischen macht, und dass ohne moralische Kultur der Mensch unaufhörlich mit seiner eignen Natur im Widerspruch steht, so wie er hingegen durch sie auch physisch erst der vollkommenste Mensch wird.“
Auf diese Weise sind der Philosoph und der Arzt übereingekommen. Lassen Sie uns jetzt noch kurz betrachten, wie es den beiden nach ihrer wissenschaftlichen Begegnung im Jahre 1797 – persönlich haben sie sich nie kennengelernt – ergangen ist.
Kants Schwäche nahm in den letzten Jahren seines Lebens immer mehr zu. Wenn er allein im Hause war, fiel er öfters hin. Sein Gedächtnis versagte; deswegen schrieb er das, woran er sich erinnern wollte, auf kleine Zettel. Er erkannte schließlich seine alten Freunde nicht mehr, er konnte nicht mehr schreiben, sich nicht mehr ausdrücken. Ein Gelehrter aus Berlin, der Kant etwa zwei Jahre vor seinem Tode besuchte, sagte danach, er habe nicht Kant, sondern Kants Hülle gesehen. Kant starb am 12. Februar 1804 im Alter von 79 Jahren und zehn Monaten.

Hufeland traf im November 1798 ein körperliches Unglück, ein plötzliches Erblinden auf dem rechten Auge. 1801 zog er nach Berlin, wurde königlicher Leibarzt, Direktor der medizinischen Fakultät und erster Arzt der Charité. Am 14. Oktober 1806 wurde die preußische Armee in der Schlacht bei Jena und Auerstedt von Napoleon vernichtend geschlagen. Hufeland begleitete Königin Luise auf der Flucht nach Königsberg und im Januar 1807 über die Kurische Nehrung nach Memel, wo er ein Jahr bis 15. Januar 1808 mit der Königsfamilie verbrachte. Seine Frau und seine sieben Kinder ließ er in Berlin zurück und begründete das damit: „Die Pflicht gebot dem Manne seinem Beruf treu zu folgen, der Frau das Haus und die Kinder zu bewahren.“ Seine Frau richtete sich aber nicht nach diesem Gebot, sondern reiste ihm mit sämtlichen Kindern außer dem ältesten Sohn nach Königsberg nach. Er schickte sie wieder zurück; daraufhin teilte sie ihm mit, sie wolle sich – nach 18 Jahren Ehe und mit sieben Kindern – von ihm trennen und mit einem anderen Mann zusammenleben. So erging es dem Mann, der einen glücklichen Ehestand als Mittel gepriesen hatte, das menschliche Leben zu verlängern!

Die Jahre 1808 und 1809 verbrachte Hufeland mit der Königsfamilie und der preußischen Regierung in Königsberg. In Königsberg und im Geiste Kants wurden die Reformen beschlossen, die den preußischen Staat wiederaufrichteten. Hufeland schrieb darüber:
„Ein Hauptgegenstand der Beschäftigung für die Regierung und auch für mich während unseres Aufenthaltes in Königsberg war die neue Organisation des Staates (für mich des Medicinalwesens) und die Errichtung der neuen Universität zu Berlin. Minister Stein, Altenstein und Humboldt waren die dabei thätigen. Ich wirkte nach Kräften mit, … als erster wissenschaftlicher Beirat bei dem Minister …. – Aber für die Universität darf ich mir wohl das Verdienst zuschreiben, bei der Frage: wo sie errichtet werden sollte? wesentlich dazu beigetragen zu haben, dass für Berlin entschieden wurde.“


Im Dezember 1809 kehrten die Königsfamilie, die Regierung und Hufeland nach Berlin zurück. Hufeland blieb königlicher Leibarzt, wurde Professor an der neuen Universität und erster Dekan ihrer medizinischen Fakultät. Schon im März 1810 eröffnete er das Policlinicum, das erste Institut dieser Art für arme Kranke, und gründete danach die „medicinisch-chirurgische Gesellschaft“, die 1833 durch Cabinetsordre Königs Friedrich Wilhelm III. in „Hufelandische Gesellschaft“ umbenannt wurde. 1815 heiratete Hufeland zum zweiten Mal. Wilhelm v. Humboldt ordnete im Jahre 1817 die staatlichen Medizinal-Angelegenheiten dem Geschäftsbereich des preußischen Innenministeriums zu und verfügte — und das war für den preußischen Beamtenstaat ein Novum —, dass diese Abteilung vor allem mit medizinischen Fachkräften zu besetzen sei, da diese, wie er argumentierte, „zweifellos eher die notwendigen verwaltungs-organisatorischen Kenntnisse erwerben könnten, als dass die Beamten sachkundig in der Lage wären, über medizinische Fachfragen zu urteilen oder gar zu entscheiden.“ Als leitenden Staatsrat schlug er Hufeland vor, der damit zum einflussreichsten Arzt in Preußen wurde.


1829 gründete Hufeland einen Hilfsverein für notleidende Ärzte, der 1830 den Namen „Hufeland’sche Stiftung“ erhielt. König Friedrich Wilhelm III. wollte Hufeland und seine Kinder in den erblichen Adelsstand erheben, aber der lehnte ab. Er wollte nicht, dass seinen Kindern das Prinzip des Stolzes eingepflanzt werde, sich mehr und höher als andere, und andere geringer zu achten als sich – „gerade das Gegenteil von dem, was das Christentum lehrt.“
Um 1825 berichtete ein Medizinstudent, der ihn besucht hatte: „Hufeland, obgleich erst 63 Jahre alt, war doch schon ganz invalide. Er saß in seiner ambulatorischen Klinik fast regungslos, seine feinen, edlen Züge belebten sich nicht, während sein Schwiegersohn Osann die Patienten … ausfragte. Man ging in die Klinik, nur um Hufeland einmal zu sehen und dann nicht wieder.“
Eine Sache, von der Hufeland schrieb, dass sie „mich noch auf meinem Sterbebette erfreuen wird, war die Angelegenheit des griechischen Volkes“, das gegen die osmanische Herrschaft für seine Freiheit kämpfte. Am 10. April 1826 versuchten die Einwohner der von den Türken belagerten Seefestung Missolunghi, aus der Stadt auszubrechen und die türkischen Linien zu überwinden. Diejenigen Bürger, die zu alt, krank oder geschwächt für eine schnelle Flucht waren, verschanzten sich mit den verbliebenen Munitionsvorräten in der Stadt. Der Ausbruchsplan wurde jedoch an die Türken verraten, die somit vorbereitet waren und ein Massaker unter den Flüchtenden anrichteten. Nur einigen Hundert Griechen gelang die Flucht. Die in der Stadt verbliebenen Bürger sprengten sich nach blutigen Straßenkämpfen gegen die eindringenden Eroberer selbst in die Luft.

Hufeland war von diesen Ereignissen so erschüttert, dass er einen Aufruf in die Zeitungen setzen ließ und so viele Beiträge sammelte, dass er eine halbe Million Franken nach Griechenland senden und dadurch Tausende von Griechen vor dem Hungertod retten konnte.
Auch sein linkes Auge wurde immer schlechter, und um 1830 war er fast vollständig erblindet, ebenso wie sein Vater erblindet war. Der Medizinverleger Dr. Göschen schrieb 1863 über Hufelands Tod:
„Die Dysurie, an der er seit etwa fünf Jahren zeitweilig gelitten, hatte einen immer bedenklicheren Charakter angenommen, es trat zuletzt vollständige Harnverhaltung ein und machte diese endlich die Punctio vesicae nöthig. Mutig und ergeben unterzog sich der Kranke der Operation, aber leider folgte derselben Gangrän und schnelle Erschöpfung. Hufeland starb in den Nachmittagstunden des 25. August 1836. Die Section ergab, dass die hornartig indurirte Prostata die Urethra gänzlich verschloss, während sonst alle Organe normal waren.“
Der zweimal verheiratete Hufeland wurde 74 Jahre alt, starb also fünf Jahre früher als der unverheiratete Immanuel Kant. Das menschlich mögliche Alter von 100 Jahren erreichte keiner von beiden.



© 2019 Gerfried Horst
